Allgemeine Theorie der Angst

Zur Differenzierung zwischen Furcht, Angst und Aktivierung unterstellen EPSTEIN & FENZ, daß sich die drei Termini voneinander unterscheiden, aber trotzdem zusammenhängende Konzepte darstellen. Demnach ist

Furcht ein Motivationskonzept,

Aktivierung die richtungslose Komponente jeder Motivation, während

Angst zwischen Furcht und Aktivierung liegt.

Nachdem EPSTEIN & FENZ Furcht und Aktivierung definiert hatten, stellten sie sich die Frage: "...ob das Angstkonstruckt überhaupt notwendig ist. Furcht als Vermeidungsmotiv definiert Aktivierung als die unspezifische Komponente jedes Motivs. Wir glauben an die Existenz eines speziellen qualitativen Zustandes, der als Angst beschrieben werden kann, weder Furcht noch Aktivierung ist, aber von beiden etwas beinhaltet. Wir definieren Angst als Zustand ungerichteter Aktivierung bei der Wahrnehmung von Gefahr. Angst unterscheidet sich von Furcht darin, daß sie nicht in ein spezielles Vermeidungsverhalten kanalisiert wird. Sie unterscheidet sich von allgemeiner Aktivierung, da sie auf die durch die Wahrnehmung einer Gefahr ausgelöste Aktivierung beschränkt bleibt. Angst kann als `fast erreichte Furcht' oder als Furcht werdende Aktivierung bezeichnet werden" (EPSTEIN & FENZ).

Weiter schreiben EPSTEIN & FENZ zur Entstehung von Angst: " Angst entwickelt sich aus der Antizipation eines hohen Aktivierungsniveaus und wird sofort zur Furcht, sobald die Erregung in spezifisches, sowohl kognitives wie motorisches Vermeidungsverhalten kanalisiert wird. Angst kann im allgemeinen nicht isoliert identifiziert werden, sondern wird erst bei Blockierung von Furchtreaktionen offenbar. Normalerweise geht Angst für extrem kurze Zeit der Furcht voraus und kann daher als elementarer Prozeß angesehen werden".

Im Zentrum der Theorie EPSTEINs steht der Begriff der Erregung. Zu den Begriffen der Angst, Entstehung von Erregung und Entwicklung eines Systems zur Erregungshemmung hat EPSTEIN folgende Ansichten:

Ÿ Organismen sind Systeme, die auf Energieeingabe reagieren. Diese Reaktion wird Erregung genannt. Um überleben zu können, müssen Organismen ihr Erregungsniveau in bestimmten tragbaren Grenzen halten.

Ÿ Ein geringer Erregungsanstieg führt zu erhöhter Aufmerksamkeit; ein starker Erregungsanstieg dagegen führt zu einer Reduktion der Aufmerksamkeit und wird von Abwehrreaktionen begleitet.

Ÿ Durch den Prozeß der Gewöhnung (Habituation) werden aufgrund ihrer Intensitätsmerkmale ursprünglich erregungssteigernde Reize jetzt als Hinweis- oder Signalreize wahrgenommen, die ihrerseits Erwartungen auslösen. Damit erweitert sich zwar einerseits der Spielraum der Erregungsquellen, andererseits wird jedoch der erregungssteigernde Effekt, der jetzt zu Hinweisreizen gewordenen Stimuli, vermindert.

Ÿ Vor zu starken Erregungsniveaus schützen sich Organismen durch den Prozeß der Hemmung, die wiederum eng mit der Erwartung verknüpft ist. Steigt die Erregung an, löst sie auch eine Hemmung aus, wobei die Hemmung in ihrer Stärke schneller ansteigt als die Erregung.

Ÿ Hohe Erregungsniveaus hängen mit jeder Erregung, nicht nur mit Angst oder Furcht zusammen. Zur Verteidigung gegen zu starke Erregung stehen dem Organismus verhaltensmäßig-motorische, psychologische und biologische Reaktionen zur Verfügung.

Ÿ Die Hemmung des Erregungsanstiegs verändert sich im Verlauf des Umgangs eines Individuums mit erregungsinduzierenden Stimuli. Da der Erregungsanstieg bei einer ersten Konfrontation mit entsprechenden Stimuli vor allem eine Reaktion auf die Intensitätskomponente dieser Stimuli darstellt, wird er durch vergleichsweise einfache Maßnahmen, wie z.B. Flucht gehemmt. Bei fortgesetztem Kontakt mit derartigen Stimuli wird ein (in der Regel weniger abrupter) Erregungsanstieg jedoch bereits durch Hinweisreize ausgelöst. Entsprechend feiner abgestimmt kann auch das Hemmsystem arbeiten.

Ÿ Die unterschiedlichen zur Verfügung stehenden Reaktionen sind in einem in der Breite und Tiefe organisierten System der Hemmung geordnet und eng miteinander verbunden. Unter einer Organisation in der Tiefe versteht EPSTEIN, daß dem Individuum bei der Wahrnehmung eines Erregungsanstieges zunächst einmal psychologische Abwehrfunktionen (z.B. Vermeidung) zur Verfügung stehen, als nächstes verhaltensmäßig-motorische Reaktionen (z.B. Flucht) und als Notfallfunkion Reaktionen auf der biologischen Ebene (z.B. Ohnmacht). Weiterhin werden auch einzelne physiologische Indikatoren der Erregung unterschiedlich gehemmt, die zwar einer zentralen Regulation unterliegen, jeder Indikator hat dennoch für sich eine begrenzte Funktion.

EPSTEIN unterscheidet folgende angstauslösende Faktoren:

1. Primäre Überstimulation bezieht sich auf Intensität und Frequenz erregungsauslösender Stimuli, wie z.B. Geräusche oder Schmerzreize.

2. Mit kognitiver Inkongruität soll das Unvermögen eines Individuums bezeichnet werden, angesichts bestimmter Vorgänge in seiner Umwelt valide Erwartungen aufzubauen.

3. Mit Reaktionsblockierung wird die Unfähigkeit beschrieben, auf Erregungssteigerungen konsequent zu reagieren (z.B. Angriff oder Flucht).

4. Der vorangegangene Erregungszustand hat einen entscheidenden Einfluß auf den momentanen Erregungsanstieg. Auf das Angstkonzept übertragen würde dies für die Empfindung von Ängstlichkeit sprechen. Bei hoch ängstlichen Personen ist die Grunderregung schon höher als bei normalen Vergleichspersonen. Dieser Ansatz wird von EPSTEIN nicht weiter ausgeführt.

Einige Umstände können eine Reaktion auf einen Erregungsanstieg blockieren. Diese Unsicherheit der Stimuli beschreibt eine zu vage Bedrohungssituation, so daß keine adäquate Handlung erfolgen kann. Bezüglich der Unterscheidung von Angst und Furcht schreibt EPSTEIN (1967), Furcht soll durch bekannte, Angst durch unbekannte Objekte ausgelöst werden. Das folgende Beispiel soll das verdeutlichen:

"Ein Autofahrer hört auf einer Dschungelstraße das Stampfen einer Elefantenherde. Gelingt es ihm, die Richtung, aus der das Geräusch kommt, auszumachen, kann er zur entgegengesetzten Richtung davonfahren. In diesem Fall wird er Furcht verspüren. Ist er in der Richtungsbestimmung jedoch unsicher und weiß nicht, in welche Richtung er sein Auto lenken soll, wird sich seine in Folge der Unsicherheit steigende Erregung als Angst manifestieren" (S. 216).

Die Reaktionsunsicherheit ist eine weitere Besonderheit bei der Blockierung des Vermeidungsmotivs. Hierbei bewertet eine Person eine gefährliche Situation zwar als solche, ihr fehlen aber Handlungsmöglichkeiten zur Entscheidungsfindung. Auch das Vorhandensein vieler Handlungsmöglichkeiten führt durch die Reaktionsunsicherheit zu keinem Entschluß. Eine Verzögerung einer Reaktionsmöglichkeit führt ebenfalls zu Angst, dies ist beispielsweise bei einer Prüfungssituation gegeben (Die Prüfungsvorbereitung ist abgeschlossen, aber die Prüfung findet einige Zeit später statt).

Den Prozeß der Hemmung bezeichnet EPSTEIN auch als Angst-Furcht-Kontrolle und nimmt folgende Einteilung vor:

1. Vermeidung furchterzeugender Hinweisreize bei der Wahrnehmung, im Denken und bei offenen Reaktionen,

2. Erzeugung ablenkender Reaktionen, insbesondere solche, die mit Furcht und Angst unvereinbar sind und

3. Verstärkung der positiven Aspekte eines Zielobjektes.

Diese drei Punkte der Angst-Furcht-Kontrolle EPSTEINs können verschieden miteinander kombiniert werden. Daraus resultierende Abwehrreaktionen können:

a) selektive Wahrnehmung,

b) Verleugnung,

c) Stimulusverschiebung und

d) Triebverschiebung sein.

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Angst und Angstverarbeitung beim Tauchen

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Einschätzung der physiologischen Erregung

Erregung bis zum Zeitpunkt "Beim Auftauchen" auszumachen
und das ohne den Peak zum Zeitpunkt "Am Tauchplatz".

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